Wie Erbsli und Karotten in die Büchse kamen

Vor mehr als 100 Jahren wurden in der Schweiz bedeutsame Firmen gegründet, so z.B. Saurer Arbon – 1853, Sulzer Winterthur –1834, BBC Baden – 1891 und so auch HERO – 1886, gegründet von den Herren Henckell und Roth.

In den 40er und vor allem in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand in Frauenfeld im Thurgau die Filiale HERO Frauenfeld, die sich bald zur wichtigsten Produktionsstätte der HERO Konserven Lenzburg entwickelte, vor allem infolge einer pionierhaften Führung durch den visionären Betriebsleiter – später Direktor – Hans Streckeisen. In Frauenfeld-Erchingen stand die Wiege der Filiale Frauenfeld. Die Fabrik wuchs und man musste Arbeiterinnen und Arbeiter suchen, vor allem aber Frauen für die feine, händische Arbeit. Woher nehmen? Dank guten Verbindungen nach Italien wurde man in der Region Bardolino fündig und bald kamen ganze „Wagenladungen hübscher Italienerinnen“ angereist. Wo sollte man sie unterbringen? Da entstand die Idee des „Landhauses“ – eine aus Holz gebaute Häuserzeile unmittelbar neben der Fabrik - mit vielen Schlafzimmern für 4, 6 und auch 2 Personen. Der innovative Direktor Streckeisen machte sich Sorgen wegen der grossen Zimmer… Aber oha – diese wurden zuerst und sofort besetzt. Die Mädels wollten beisammen sein – vielleicht auch um nicht belagert zu werden von den vielleicht liebeshungrigen Burschen… all die Sorgen des „Chefs“ waren unbegründet ! Drei Mahlzeiten wurden jeden Tag gekocht für die hungrigen, fleissigen neuen Mitarbeiter. Nur der Kaffee – Ristretto - war offenbar nicht nach deren Geschmack. Also los Herr Knöpfel von der Rösterei in der Felsenburg, eine neue Röstung ist gefragt…!! Die Felsenburg war mitten im Städtli, gegenüber dem Kiosk des Herrn Fiorina – bei ihm konnte man einzelne Zigaretten kaufen für „en Füfer“ - das Päckli hätte 80 Rappen gekostet, dividiert durch 20 gäbe eigentlich 4 Rappen – eher unpraktisch… Also, nach wochenlangem Pröbeln hat Knöpfel senior die Mischung gefunden und ab sofort gab es feinen Kaffee, stark und klein wie es in den südlichen Gefilden Brauch ist. Aber jetzt mal etwas der Reihe nach, denn zuerst brauchte es ja Produkte, bevor man diese von zarter Frauenhand in die Büchsen abfüllen konnte. Also setzten sich die beiden Anbauvertreter Merz und Vogler in ihre erbsengrünen VWs und fuhren los, um Bauern zu suchen, die grosse Anbauflächen hatten und gewillt waren, für die HERO Erbsen anzupflanzen und diese der Hero zu liefern. Wobei wir bereits beim ersten, lange Zeit wichtigsten Produkt wären. ERBSEN Alles drehte sich um diese Hülsenfrucht, die, wenn man seitlich auf die Schote drückte, aus ihrer Hülle kollerte. Dreschen hiess die Technik und bald gab es nicht nur bei der Fabrik in Frauenfeld eine Dreschstation, sondern auch dezentral in manchem Ort in den Anbaugebieten. Beim Dreschen fällt wertvoller „Abfall“, nämlich das Erbsenkraut an. Was tun damit? Am Anfang wollte kein Bauer das Kraut mitnehmen, um es zum Beispiel zu verfuttern. Als der „Chef“ und sein Stv. 3000 Schafe kauften, sie auffutterten und mit Gewinn wieder verkauften, dachten die Bauern, dass sie das auch könnten. Von da an blieb kein Ladewagen leer beim Heimfahren…! Immer um 10 Uhr morgens fand in der Erbsensaison die Degustation statt; eine handverlesene Gruppe massgeblicher Mitarbeiter und der Chef kauten, schmatzten und spukten Erbsen, um zu erfahren, ob sie der HERO-Qualität würdig seien. Frau „Chef“ (Elisabeth Streckeisen) durfte während der Erbsensaison keine Erbsen zum Essen servieren…!! Was könnte man zusammen mit den Erbsen in die gleiche Büchse einfüllen ? – Schöne, runde, rote K A R O T TE N Wie aber kann man diese einigermassen effizient aus dem Boden kriegen ? Das war die nächste Quizfrage für den „Chef“. Mit seinem Freund Werner Wieser, seines Zeichens auch Ingenieur bei Firma Neuweiler in Kreuzlingen, wurde die Karottenerntemaschine geboren und gebaut. Die „Garöttli“ wurden vollautomatisch aus der Erde gehoben, das Kraut abgeschnitten und nach Frauenfeld transportiert, dort auf einem grossen Platz das erste Mal von Erde befreit und unterirdisch in die Fabrik gespült. Wie aber die grobe, raue Haut wegbringen? Denn erst ohne diese ist die Karotte geniessbar! Ganz einfach beim „Chef“. Man beschicke die edle Frucht mit viel heissem Dampf und erschrecke sie dann mit kaltem Wasser – weg ist die ungeniessbare, harte Haut ! Und jetzt rein in die Büchse, zusammen mit den Erbsli!! Was aber, wenn die Karotten nicht so recht wachsen wollten, die Erbsli aber schon? Dafür gab es schon damals Tiefgefrieranlagen. Was aber, wenn die verflixten „Garöttli“ ausgerechnet am Sonntag raus mussten, weil sie reif waren und der Petrus die ganze Arbeitswoche am Wasserhahn stand anstatt an der Sonnenwand ? Da wurden die Mädels und Burschen aus dem schönen Bardolino halt auch an einem Sonntag aufgeboten, warum denn nicht? Sie arbeiteten gerne, denn Ende Monat war dann auch etwas mehr im vom Buchhalter Stössel abgefüllten Säckli. Er war sehr akribisch und die vielen Batzeli und Nötli musste Hugo Eberli – der Ausläufer - mit dem Velo in einer grossen Ledertasche von der Bank abholen. Das ging so lange gut, bis der Direktor der Bank dem Direktor der Hero mal sagte, das sei schon etwas riskant. Da musste Hugo nicht mehr auf die Bank und Herr Stössel war auch beruhigter und schloss das Geld sorgfältig in seinem riesigen Kassenschrank ein, der in seinem langen Büro stand und dessen Schlüssel er an einer Kette am Gürtel trug und nicht aus den Augen liess. Wenn der Chef des Arbeitsamtes motzte, drohte der Chef der Hero mit übriggebliebenen Erbsli-Wagen am Montag vor dem „Austerau“- schen Arbeitsamt. Schlussendlich verstanden sich beide Chefs glänzend, vor allem, weil der eine dann auch verstand, dass die Natur nicht vor dem Sonntag Halt macht. So entwickelten sich die Geschäfte prächtig, andere Gemüsesorten kamen dazu und Hero Frauenfeld belieferte z.B. auch FINDUS für deren Tiefkühlsortiment. So wurde HERO Frauenfeld immer grösser und wichtiger, weil alles Gemüse nur dort verarbeitet wurde. Dass es da hin und wieder zu etwas neidischen Bemerkungen führte zwischen den Herren aus Lenzburg und dem „kleinen“ Provinzdirektor in Frauenfeld, war nur natürlich. Der „Chef“ wie ihn alle nannten, liess sich jedoch nicht abbringen von seinem Weg, baute noch drei Lagerhäuser – 36 x 96 m ohne eine einzige Säule, damit der Gabelstapler ungehindert von einem ins andere fahren konnte. Mit 67 ging er dann in Pension, nicht ohne noch einige Jahre beratend tätig zu sein. Auch in der internationalen Konservenwelt blieb er der ungekrönte „Erbsenkönig“. 1982 verliess er im 73. Lebensjahr seine geliebten Felder wegen einer heimtückischen Krankheit, gegen die leider kein Kraut gewachsen ist. Für viele blieb er aber noch lange „der Chef“.